Klassifikation: Kartenspiele

Wie kann man die zahlreichen und sehr unterschiedlichen traditionellen Kartenspiele klassifizieren? Hier gibt es sehr unterschiedliche Ansätze, zum Beispiel die Unterscheidung nach Spielzielen, nach Mechanismus oder einer Kombination aus beidem.

Die Klassifikation nach Spielziel

Bei den abstrakten Kartenspielen unterscheidet das Deutsche Spiele Archiv ausgehend von den Spielzielen nur vier Gruppen: (1) Kartenbesitzspiele (z.B. Bridge), (2) Augenspiele (z.B. Skat, Doppelkopf), (3) Ablegespiele (z.B. Mau-Mau, Romme) und (4) Kartenkombinationsspiele (z.B. Poker, Canasta). Ganz bewusst vermeidet das Archiv den Begriff "Stichspiele", "da das Stechen als markanter Spielvorgang bei so unterschiedlichen Spielen wie den Kartenbesitzspielen und den Augenspielen vorkommt". Eine weitere Differenzierung erfolgt bewusst nicht: "Einteilungen, die dagegen an den speziellen Eigenheiten der Spielabläufe orientiert sind, scheitern daran, daß häufig verschiedene Mechanismen kombiniert werden, und auf diesem Wege eine Unzahl von Varianten bzw. Untergruppen entsteht."

Eine ähnliche Einteilung nach Spielzielen ("objectives") hat auch John McLeod vorgeschlagen: (1) Capturing cards, (2) Shedding or accumulating cards, (3) Forming combinations of cards, (4) Comparing cards und (5) Other objectives. Im Unterschied zum Deutschen Spiele Archiv differenziert er diese Gruppen aber weiter aus. Für die "Capturing Games" zum Beispiel sieht das folgendermaßen aus (Übersetzung durch MMK):

Ziel:erbeuten (capture)erbeuten vermeideneine bestimmte Menge
Alle Karten mit gleichem Wertso viele Karten wie möglichso wenig Karten wie möglichgenaue Zahl von Karten
Karten mit verschiedenen Wertenso viele Punkte wie möglichso wenig Punkte wie möglichgenaue Zahl von Punkten
Nur bestimmte Stiche zählenden letzten Stich machenLose the last trick(s)---

Die Klassifikation nach Spielmechanismus

Eine andere Herangehensweise ist die Unterscheidung nach Mechanismus.

John McLeod ("Card Games"-Website)

Auf seiner umfangreichen Website "Card Games" (die Anlaufstelle für Kartenspiele im Internet!) hat John McLeod auch eine sehr differenzierte Systematik nach Mechanismus vorgelegt. Er unterscheidet zunächst fünf Hauptkategorien: (1) Outplay Games (Karten ausspielen), (2) Exchange Games (Karten tauschen), (3) Comparison Games (Karten vergleichen), (4) Patience Games und (5) Other Games. Diese Kategorien sind wiederum in Gruppen und Untergruppen untergliedert. In der Kategorie der "Outplay Games" zum Beispiel differenziert er zwischen folgende Gruppen: Trick Taking Games, Beating Games, Climbing Games, Adding Games, Fishing Games (z.B. Scopa), Matching Games und War Group. Schauen Sie doch einmal auf seiner Seite vorbei. Es lohnt sich!

David Parlett ("The Penguin Book of Card Games")

In der Einführung seiner großartigen Kartenspiel-Enzyklopädie "The Penguin Book of Card Games" begründet David Parlett (2008, S. XVII-XX) seine Einteilung in 24 "Familien", die den Kapiteln seines Buches entsprechen. Er geht zunächst von zwei grundlegend verschiedenen Mechanismen ("methods of play") aus: den "Trick-taking games" (Stichspiele) und den "Non-trick games". Hier sind die Familien im Überblick (die vorangestellte Zahl entspricht der Kapitelnummer):

Trick-taking games:

Bei den "Trick-taking games" (Stichspielen) unterscheidet er - wie John McLeod - zwischen den "Plain-trick games" (Anzahl der Stiche) und den "Point-trick games" (Anzahl der Kartenpunkte).

Plain-trick games

Prinzip: Anzahl der Stiche

  1. Bridge-Whist family
  2. Solo family
  3. Euchre family
  4. Hearts family
  5. Piquet and others
Point-trick games

Bei dieser Gruppe kommt es auf die Anzahl der Kartenpunkte ("Augen") an.

  1. High-low-Jack family
  2. Point-trick games
  3. Ace-Ten games (z.B. Skat, Doppelkopf)
  4. King-Queen games (z.B. 66)
  5. Queen-Jack games
  6. Jack-Nine games (z.B. Klabberjass)
  7. Karnöffel family
  8. Tarot and tarocks
Non-trick games:
Card-taking games
  1. Catch and collect games
  2. Fishing games (z.B. Scopa)
Adding-up games
  1. Cribbage and other adders
Shedding games
  1. First out wins
  2. Last in loses
Collecting games
  1. Rummy family
  2. Canasta family
Ordering games
  1. Competitive Patiences
Vying games (Wettspiele)
  1. Vying Games (z.B. Poker, Mus)
Banking games
  1. Banking Games (z.B. Blackjack, Baccara)

Die Systematiken im Vergleichstest

Schauen wir uns die verschiedenen Klassifikationsversuche einmal im Vergleichstest für die beiden in Deutschland sehr beliebten Kartenspiele Doppelkopf und Skat an.

In der Systematik des Deutschen Spiele Archivs, das nach Spielzielen unterscheidet, gehören Doppelkopf und Skat zu den "Augenspielen", da es bei beiden Spielen darum geht, möglichst viele, d.h. mehr Punkte ("Augen") als die Gegenpartei zu erhalten.

David Parlett (2008) ordnet Doppelkopf und Skat zunächst den "Trick-taking games" (Stichspiele) und dort der Gruppe der "Point-trick games" zu. Innerhalb dieser Gruppe unterscheidet Parlett wiederum zwischen verschiedenen "Familien" (siehe oben). Doppelkopf und Skat werden von ihm der "Ace-Ten"-Familie zugeordnet. Die Systematisierung von Parlett (entsprechend auch John McLeod) ist also offensichtlich differenzierter und die Zuordnung zur "Ace-Ten"-Gruppe genauer und aussagekräftiger.

"Many of Europe's most popular card games feature cards counting Ace 11, Ten 10, King 4, Queen 3, Jack 2. Lower numerals usually have no value, and tricks as such are pointless in themselves. With 30 points in each suit and 120 in the whole pack, games are typically won by taking at least 61 card-points in tricks." (S. 211)

Bei Kastner & Folkvord (2005), die 15 Familien unterscheiden, finden sich Doppelkopf und Skat in der Familie "Meldespiele & deutsche Augenwerte", die in Teilen den "Ace-Ten"-Spielen bei Parlett und McLeod entspricht. Sie charakterisieren diese Familie folgendermaßen:

"Ganz im Gegensatz zu den meisten angelsächsischen Spielen haben die deutschen Spiele nicht den Stich an sich zum Ziel, sondern das Ergattern von einzelnen Karten mit einem bestimmten Punkwert. Normalerweise ist dieser Wert ganz starr: Ass = 11, Zehner = 10, König = 4, Dame = 3 und Bube = 2 Punkte. Die Restkarten zählen nichts. Dadurch sind pro Farbe 30 Augen möglich, insgesamt also 120. Ziel ist es, einen Punkt mehr als die Hälfte, also 61 Augen, an sich zu bringen." (S. 169)

(Weitere Infos folgen)