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Porträt: Ken Loach
"Gewerkschaften sind wichtiger als Filmemacher." (Paul Laverty)
Bitte beachten Sie: Der folgende Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem von mir geschriebenen IKF-Film-Heft zu "The Wind That Shakes the Barley" (2006, s.u.: Literaturhinweise). Alle Rechte vorbehalten.
- Inhaltliche Merkmale im Werk von Ken Loach
- Formale Merkmale im Werk von Ken Loach
- Filmographie: Kinofilme von Ken Loach (Auswahl)
- Auszeichnungen: Loach und die Kirchen
- Literaturhinweise zu Ken Loach
- Web-Tipps zu Ken Loach
Inhaltliche Merkmale im Werk von Ken Loach
Ken Loach (geb. 1936) gilt neben Mike Leigh als einer der wichtigsten Vertreter des britischen "Sozialen Realismus" (Social Realism). Seit über 40 Jahren ("Poor Cow", 1967) setzt sich Loach in seinen Fernseh- und Kinofilmen kritisch mit den sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnissen (vor allem, aber nicht nur in Großbritannien) auseinander und prangert politische und soziale Missstände an.
Seine Filme spiegeln aktuelle soziale und politisch relevante gesellschaftliche Themen wider: z. B. Arbeitslosigkeit (wie in "The Navigators" als Folge von Privatisierung), Drogenabhängigkeit (wie in "My Name is Joe" und "Sweet Sixteen") oder Migration (wie beim Kampf illegaler Einwanderinnen in Los Angeles um bessere Arbeitsbedingungen in "Bread and Roses" oder in Form einer interkulturellen Liebesgeschichte in "Ae Fond Kiss").
Darüber hinaus hat sich der bekennende Sozialist Ken Loach in seinen Historienfilmen "Land and Freedom" (Spanischer Bürgerkrieg), "Carlas Song" (Sandinistische Revolution in Nicaragua) und "The Wind That Shakes the Barley" (Irischer Unabhängigkeitskrieg) auch mit gescheiterten (linken) Revolutionen beschäftigt. In Loachs Gesamtwerk ist der Anspruch erkennbar, politische, soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten anzuprangern und sich für (Mit-)Menschlichkeit und Solidarität einzusetzen.
Formale Merkmale im Werk von Ken Loach
Bei Loachs Filmen ist ein eigener, "naturalistischer" Stil erkennbar. Die filmischen Gestaltungsmittel stehen bei Loach, der vor allem um Authentizität bemüht ist, im Dienst der Geschichte (vgl. hierzu z.B. auch Helbig 1999; Nicholls 1999; Pusch 2004).
Typisch für seine Filme sind daher Aufnahmen an Originalschauplätzen ("location shooting") und der weitest gehende Verzicht auf künstliche Beleuchtung (natürliches Licht). Loach setzt häufig weniger bekannte oder sogar Laiendarstellern ein, denen er bei den Dreharbeiten viel Freiheit lässt, da die Figuren authentisch wirken und das dargestellte Milieu glaubhaft verkörpern sollen. Durch den Einsatz der Handkamera wird dem Zuschauer das Gefühl vermittelt, unmittelbar dabei zu sein. Für diesen dokumentarisch wirkenden Stil ist zumeist Barry Ackroyd (geb. 1954), sein langjähriger Kameramann seit "Riff-Raff" (1991), verantwortlich.
Einen Schwerpunkt in vielen Loach-Filmen stellen Dialogszenen dar, in denen Menschen ihre unterschiedliche Überzeugungen, Vorstellungen, Werte austauschen und diskutieren. In diesen Schlüsselszenen sind die Figuren häufig Stellvertreter für (politische) Ideen oder Haltungen - auch des Regisseurs Ken Loach oder seines Drehbuchautors (früher der 1999 verstorbene Jim Allen, seit einigen Jahren Paul Laverty). Die Dynamik solcher Szenen wird auch durch die Kameraarbeit unterstrichen (typisch: Handkamera, Augenhöhe, mittlere Distanz). Der Zuschauer soll durch die Kamera, die häufig den Bewegungen der Schauspieler folgt, mit in die Handlung hineingenommen werden.
Beispiel: Dieses Konzept der thesenartigen "Key Speeches" (Nicholls 1999) wird z.B. in "The Wind That Shakes the Barley" beim Gespräch zwischen Damien und Dan im Gefängnis (S 17), beim Streit im Gerichtssaal (S 27) und um den Anglo-Irischen Vertrag (S 39), aber auch bei den Vier-Augen-Gesprächen zwischen Damien und Teddy vor der Kirche (S 47) und im Gefängnis (S 50) deutlich. [Anm.: Die Nummern beziehen sich auf die Übersicht in dem von mir erstellen Film-Heft, s.u.]
Filmographie: Kinofilme von Ken Loach (Auswahl)
Hier finden Sie eine Übersicht ausgewählter Kinofilme von Ken Loach. Die Tabelle verdeutlicht die langjährige Zusammenarbeit mit Kameramann Barry Ackroyd (geb. 1954) und den Drehbuchautoren Jim Allen (1926-1999) und Paul Laverty (geb. 1957). Nachdem die Produktionsfirma "Parallax Pictures" 2002 aufgelöst wurde, gründete Loach zusammen mit Rebecca O'Brien "Sixteen Films", zu der auch Drehbuchautor Paul Laverty als "Associate Director" gehört.
| Film | Drehbuch | Kamera | Start (D) |
|---|---|---|---|
| Looks and Smiles (1981) | Barry Hines | Chris Menges | |
| Hidden Agenda (1990) | Jim Allen | Clive Tickner | |
| Riff-Raff (1991) | Bill Jesse | Barry Ackroyd | |
| Raining Stones (1993) | Jim Allen | Barry Ackroyd | |
| Ladybird Ladybird (1994) | Rona Munro | Barry Ackroyd | |
| Land and Freedom (1995) * | Jim Allen | Barry Ackroyd | |
| Carla's Song (1996) * | Paul Laverty | Barry Ackroyd | |
| My Name is Joe (1998) [Glasgow 1] | Paul Laverty | Barry Ackroyd | |
| Bread and Roses (1999) * | Paul Laverty | Barry Ackroyd | 04.10.01 |
| The Navigators (2001) * | Rob Dawber | Barry Ackroyd | 10.10.02 |
| Sweet Sixteen (2002) [Glasgow 2] | Paul Laverty | Barry Ackroyd | 26.06.03 |
| Ae Fond Kiss (2004) [Glasgow 3] | Paul Laverty | Barry Ackroyd | 11.11.04 |
| The Wind That Shakes the Barley (2006) | Paul Laverty | Barry Ackroyd | 28.12.06 |
| It's a Free World ... (2007) | Paul Laverty | Nigel Willoughby | 27.11.08 |
| Looking for Eric | Paul Laverty | Barry Ackroyd | 05.11.09 |
DVD-Tipp: Die mit einem Stern ("*") gekennzeichneten Filme sind Bestandteile der Ken-Loach-Sammler-Edition, die im IKF-Medien-Shop zum Preis von 34,99 Euro zzgl. Versand erhältlich ist (Einzelpreis 9,99 Euro).
Auszeichnungen: Loach und die Kirchen
Loachs Filme werden interessanterweise sowohl international als auch in Deutschland häufig von den Kirchen ausgezeichnet. So hat z.B. die Jury der Evangelischen Filmarbeit sechs seiner Filme als "Film des Monats" empfohlen (Stand: 12/2008): "Kes" (03/1972), "Family Life" (09/1972), "Looks and Smiles" (02/1983), "Sweet Sixteen" (07/2003), "Just a Kiss" (11/2004) und "It's a Free World" (12/2008). Die Ökumenische Jury verlieh Loach bei den Filmfestspielen in Cannes 2004 sogar den Spezialpreis für sein Lebenswerk (siehe Meldung vom 20. Mai 2004 auf der Website der Ökumenischen Jury).
2006 erhielt Loach den Bremer Filmpreis:
Begründung: "Der diesjährige Bremer Filmpreis geht an den britischen Regisseur Ken Loach. Für seinen undogmatischen Humanismus. Für Filme, in denen der einzelne manchmal verzweifelt, manchmal gewitzt für bessere Arbeitsbedingungen, politische Rechte, ein bisschen Geld oder für eine unmöglich erscheinende Liebe eintritt. Mit geradezu dokumentarischer Genauigkeit folgt Loach seinen mit sich und dem Leben ringenden Leinwandhelden, ihrem Kampf, der immer auch ein Kampf um Würde ist. Seit vier Jahrzehnten steht der britische Regisseur konsequent für seine Überzeugungen ein, schon früh hat er die ganz konkreten menschlichen Folgen der Globalisierung auf die Leinwand gebracht. Angesichts von wirtschaftlichen Umbrüchen und neoliberalen Reformen ist sein sanft aufrüttelndes Kino, das stets den Menschen in den Mittelpunkt stellt, wichtiger denn je."
Literaturhinweise
HASENBERG, Peter (2005). Mit kämpferischem Geist und unerschütterlichem Humor. Sozialer Realismus im britischen Film. In: LESCH, Walter; MARTIG, Charles & VALENTIN, Joachim (Hg.). Filmkunst und Gesellschaftskritik. Sozialethische Erkundungen. Marburg: Schüren (Film und Theologie 7), S. 105-134. [Tipp: IKF-Medien-Shop]
HELBIG, Jörg (1999). Geschichte des britischen Films. Stuttgart u.a.: Metzler.
KLEINSCHMIDT, Michael (2006). The Wind That Shakes the Barley. Film-Heft. Köln: Institut für Kino und Filmkultur.
LEIGH, Jacob (2002). The Cinema of Ken Loach. Art in the Service of the People. London: Wallflower Press. [ISBN: 1-903364-311-0]
NICHOLLS, Dave (1999). Locating Loach. Within the History and Theory of the Realist Text. [Dissertation: Online-Text]
VOLK, Stefan (2006). Solidarität. Ken Loach zum 70. Geburtstag. film-dienst, H. 12/2006, S. 45-47.
Web-Tipps
- BFI: Ken Loach Gallery (bis 2003)
- BFI Screenonline: Artikel über Ken Loach (Lez Cooke)
- BFI Screenonline: Artikel über den "Social Realism" (Richard Armstrong)
- Senses of Cinema: Loach Porträt von Mike Robins (Oktober 2003)
- Sixteen Films: Loachs Produktionsfirma seit 2002